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dieter zimmermann

„Frei werden von dem, was man gestern getan hat“

Werkstattgespräch mit dem Moebelbauer Dieter Zimmermann

Dieter Zimmermann, man kennt Ihre Kunst z.B. von der Einrichtung in der NATURATA in Überlingen, einigen anderen Läden, durch Ausstellungen, aus Kunstzeitschriften. Hier in Ihrem Atelier sieht man Hunderte von Spraydosen und Schreinerwerkzeuge. Sie machen Möbelbau und irgendwie bringt man Sie mit Anthroposophie in Verbindung. Könnten Sie etwas zu Ihrem Werdegang erzählen?
`48 geboren, seit 1950 autodidaktischer Maler, ich habe an der Folkwangschule in Essen Industrial-Design studiert, auch abgeschlossen, vorher ein bißchen an der Werkkunstschule in Dortmund Gebrauchsgrafik studiert und bin dann zwei Jahre im Entwicklungsdienst in Peru gewesen, habe dort in Kunstgewerbeprojekten gearbeitet und habe wohl dort die Urimpulse entdeckt für „man kann aus den weggeworfenen Dingen was tun“; also aus einer Armut geboren das zu benutzen, was vorliegt. Ich bin dann, als ich nach Deutschland kam, durch „Zufall“ auf eine leerstehende Schreinerei gestoßen und habe dort angefangen mit Kinderspielzeug und kleineren Möbelstücken. Das hat sich dann ausgedehnt, es gab Aufträge. Irgendwann kam ein Schreinermeister hinzu, ein Lehrling, eine Sekretärin, ein Restaurator usw. und dann kam der Offenbarungseid und der wirtschaftliche Zusammenbruch.


Wann ist das gewesen?
Das ist so zehn Jahre her. Und da keine Aufträge mehr da waren, kein Geld mehr da war, haben wir mal anständig aufgeräumt. Meine damalige Mitarbeiterin und ich fanden dann eine alte Holzkiste, in der wir unsere Abfallhölzer gesammelt hatten, und diese Assistentin meinte dann, aus solchen Kisten müsste man mal Möbel bauen. Und das war eigentlich der Anfang. Das war auch das allererste Stück. Ich habe dann daraus einen Sekretär gearbeitet, der steht heute in Pforzheim bei einem Pfarrer der Christengemeinschaft. Dann habe ich fast ein ganzes Jahr lang freie Möbelstücke gearbeitet aus sogenannten Fundstücken, aus Resten, aus Müll, aus alten Kisten, und das wurde dann wieder „zufällig“ vom Direktor des MUSEUMS FÜR NEUE KUNST in Freiburg entdeckt. Er wollte so etwas auch mal ausstellen, hatte aber Termine voll für drei Jahre. Dann gründete sich eine Galerie in Freiburg, die GALERIE BLAU, die entdeckten mein Zeug auch zufällig und wollten damit die Eröffnungsausstellung machen, das fuchste nun wiederum den Direktor des Museums, er sagte, er müsste der erste sein, er habe mich entdeckt, also haben wir am Freitagabend im Museum eröffnet mit 20 Stücken und am Samstagmorgen darauf noch einmal mit 20 Stücken in der GALERIE BLAU. Das war 1989.


Wie sahen die Stücke aus, die Sie früher gemacht haben?
Nun, wie so etwas aussieht: Spanplatte, Furnier, Nitrolack, altdeutsch gebeizt, nußbaumdunkel. Alle Stilrichtungen, die man sich vorstellen kann, vom Gelsenkirchener-Barock bis zu IKEA-Imitation – was der Kunde so wünscht.


Und wo ist jetzt das Verbindungsglied zur Anthroposophie? Von der Optik her würde man zunächst nicht drauf kommen. Man kennt ja aus Zeitschriftenanzeigen von anthroposophischen Möbelschreinereien Verschiedenes. Das unterscheidet sich allerdings gravierend von Ihrer Kunst. Wie tragen Sie Impulse aus der Anthroposophie in Ihre Arbeit hinein?

Die Frage „Was ist ein Anthroposoph?“ führt vielleicht auf so eine Spur. Es hat mal jemand Gescheites gesagt, ein Anthroposoph sei jemand, der das, was er über die Bewältigung seiner täglichen Probleme hinaus an Möglichkeiten und Zeit noch zur Verfügung hat, für andere einsetzt; das würde ihn eigentlich als Anthroposoph auszeichnen.
Womit ich arbeite, sind in der Regel Materialien, die weggeworfen sind, aus der Gesellschaft rausgefallen sind, die unbeachtet sind, die in Müllcontainern lagern...die greife ich wieder auf, erhebe sie und setze in einen neuen Zusammenhang. Da würde ich mich als Anthroposoph verstehen.


Was Sie ansprechen, ist ja das Collageprinzip. Aus vorgefundenen Dingen setzt man etwas Neues zusammen, bringt es in einen neuen Zusammenhang. Das ist ja u.a. eine Entwicklung von Picasso, Braque, später Schwitters und anderen; ein Prinzip, das vor allem in der Kunst des 20. Jahrhunderts maßgeblich wirksam war. Sie bringen dieses Collageprinzip in Zusammenhang mit Anthroposophie. Inwieweit könnte man rückschließend sagen, daß Braque, Picasso, Schwitters und die anderen Anthroposophen waren?
(Lacht) Da weiß ich gar nichts zu zu sagen, wie weit die Kollegen Anthroposophen waren. Ich vermute mal, daß alle Künstler sicherlich immer auf der Suche sind nach dieser Grenze, wo das, was sich wirklich materiell ereignet, das, was sichtbar ist, sich ausdehnt ins Spirituelle. Also: jedes gute Kunstwerk ist durchsichtig, sage ich mal. Da ist sicher jeder Künstler an der Stelle auch des Spirituellen und der geistigen Welt und in diesem Sinne eventuell auch Anthroposoph. Aber das wäre mir dann doch ein bißchen zu scharf formuliert.


Würden Sie „anthroposophische Möbel-Schreinerei“ trotzdem gelten lassen? Dort wird ja versucht, ganz andere Aspekte aus der Anthroposophie direkt in die Gestaltung einfließen zu lassen.
Gelten lassen kann man das, das ist gar keine Frage. Hinstellen muß man das mal als eine Impuls, der nun fast 100 Jahre alt ist – ob das noch zeitgemäß ist? Man müßte das schon stilistisch untersuchen, konkret an einem bestimmten Möbelstück, das man vor sich hätte; die Stücke, die ich kenne, sind in der Regel eigentlich vom Stilistischen her Verschnitt vom Verschnitt und haben überhaupt keine Gestaltungsimpulse mehr in sich, sondern sind Surrogate und Drittaufgüsse.


Wie läuft der Vorgang ab, der dann letztendlich zur Entstehung eines Möbelstückes führt?
Das schönste Beispiel ist dieser Klassiker, der auch immer wieder reproduziert wird: Ich bin eines Tages an einem Container vorbeigefahren, aus dem ragte oben eine alte Zinkbadewanne heraus; ich hatte mir damals geschworen, da mein Depot schon überquoll, nichts mehr mitzunehmen, von dem ich nicht genau wußte, was ich daraus machen wollte.
Ich bin sehr langsam an diesem Container vorbeigefahren und habe gegrübelt, gegrübelt, gegrübelt...und nach 60 Metern hatte ich´s. Ich konnte anhalten und zurückfahren. Ich habe sie auseinandergesägt und habe Stühle draus gemacht; ich war damals selbst überrascht, wie bequem man darin sitzt. Ein anderes schönes Geschichtchen: Ich war auf einem Spaziergang im Schwarzwald und fand einen Felsbrocken, etwa kopfgroß, mit einer Bohrung drin. Ich kam am anderen Morgen an meine Ateliertür, da stand ein Holzwagen mit Holzrädern, aber es fehlte ein Rad. Da rief mich mein Freund aus der Schweiz an, der hatte dieses Wägelchen im Elsaß in einer alten Fabrik gefunden, und wie philosophierten nun, wie man das fehlende vierte Rad ersetzen könnte; bis mir dann einfiel: Ich hatte das Rad schon im Auto liegen! Ich habe das dann tatsächlich da draufgesteckt und siehe da: es hatte das Achsmaß und auch genau die Bohrung – es paßte. So geht das. Die Dinge fallen einem dann zu. So´n Stück kommt ins Atelier, kommt an die weiße Wand, wird angelehnt, und dann gehe ich ins Gespräch, dann unterhalten wir uns. Dann wird es gedreht, was draufgestellt, umgeändert, manchmal geht es dann wieder ins Depot zurück, weil man nicht mit ihm reden kann, weil es noch nicht spricht, machmal geht der Zugriff sehr schnell, man entdeckt dann, wo die Spur hinführt. Es ist also auf der einen Seite das, was im Wesen des Stückes als Aussage drinsteckt, und das andere, was ich – biographisch – in dem Augenblick mitbringe und dann dazutrage. Das ist eine schöne Unterhaltung.


Ist das eine Fähigkeit, die man schulen kann oder bringt man so etwas individuell mit? Also die Frage: Könnten Sie sich vorstellen, daß aus der Zimmermannschen Arbeit eine Mode wird?
Ich habe da so ein wunderschönes Zitat von Thomas Bernhard: „Wenn man lange allein ist, wenn man sich an das Alleinsein gewöhnt hat und wenn man im Alleinsein geschult ist, entdeckt man überall dort, wo für andere Menschen nichts ist, immer mehr“. Das ist eine Grundlage der Arbeit, daß man an diesen Dingen eine gesteigerte Aufmerksamkeit entwickelt, aber das passiert in der Regel auch, wenn man Kunstausstellungen besucht und wach genug ist, um tatsächlich Kunst in sich aufzunehmen, Kunst entstehen zu lassen. Ich würde die Schulung nicht an der Stelle sehen, „wie säge ich Bretter und wie spax´ ich das zusammen?“, sondern die Schulung wäre an der Stelle: Wie wird man wach? Und dann würde aber immer hinzukommen, an welcher Stelle diese Person biographisch steht. Daraus würde sich sicherlich ganz was anderes entwickeln. Also es ist nicht machbar, das nun als Stilrichtung zu erheben. Es ist vielfältig kopiert, weil diese ganzen Stücke natürlich durch die Medien gerannt sind, Fernsehen, Presse usw., aber in meiner ganzen Arroganz sage ich: Ich habe bis jetzt noch keinen entdeckt, der auch nur halbwegs an die Qualität meiner Stücke heranreicht.


Ihre Stücke sind ja alle Individualitäten, Individuen, Unikate, und haben oft etwas Heiteres in der Ausstrahlung. Es sind vorwiegend Möbelstücke, die wirklich funktional sind – allerdings braucht man wahrscheinlich auch ein bißchen Mut, sich so etwas ins Wohnzimmer zu stellen. Wie sieht Ihre Kundschaft aus?
Ja, also mit dem Mut und mit dem Wohnzimmer...Ich bezeichne meine Möbel manchmal als unbequeme Untermieter, die da zuhause auf einen warten, die auch Platz einfordern. Wenn diese Stücke in normale Wohnungen kommen, was das, was daneben steht in Frage gestellt. Meistens geht das wie ein Bazillus: Das erste Stück kommt rein, und dann stellt man fest, der Tisch paßt nicht mehr; dann paßt das Sofa nicht mehr, und irgendwann muß man sich schließlich auch selber ändern, sonst kann man es mit diesen Stücken wahrscheinlich auf Dauer nicht aushalten. Die Kundschaft: Da gibt es eine komplette Bandbreite von Leuten, die es sich wirklich vom Munde absparen; wir haben ein Ratenzahlungssystem, d.h. Es gibt Leute, die haben für ein paar tausend Mark gekauft und zahlen die monatlichen Raten von 50 Mark ab, das geht über lange Zeit – und kommt mir als Künstler sehr entgegen, weil ich dadurch so eine Art Grundgehalt habe. Auf der anderen Seite sind es Leute, die wirklich viel Geld haben, die die Sachen auch als Kunstwerke kaufen und sich in die Wohnung stellen – teilweise sind diese Stücke nicht ganz preiswert. Als Gemeinsamkeit dieser verschiedenen Kunden könnte man vielleicht sagen: Das sind Menschen, die noch Fragen haben, die nicht schon alles wissen.


Wir benennen ja Ihre Möbel mit dem Begriff „Kunst“. Traditionell wird aber noch häufig unterschieden zwischen „freier Kunst“ – im Sinne von Malerei und Bildhauerei – und angewandter Kunst, wie z.B. Schmuckdesign, Textildesign, Innenarchitektur oder eben Möbeldesign. Hat diese Begriffsunterscheidung für Sie noch irgendeine Bedeutung?
Von der Ausbildung her bin ich ja Designer. Design unterscheidet sich von „freier Kunst“ vielleicht darin, daß man im Designbereich Stücke entwirft, die später produziert werden – meine Stücke sind aber Unikate, werden also nicht wiederholbar sein, weil es immer mit Fundstücken zusammenhängt. Die Unterscheidung selbst liegt auf einem schmalen Grat. Ich habe es erlebt bei dem „Hellblauen Reiseschrank“, an dem dieses wunderschöne Wägelchen mit dem Steinrad verarbeitet worden ist, daß der Galerist in Basel, mit dem ich zusammenarbeitete, 15 000 Mark sehr preiswert fand für eine Skulptur in dieser Größe, und derselbe Schrank stand dann bei meinem Inneneinrichter in Esslingen – ein großes Möbelhaus – der dann sagte, 15 000 DM für einen Schrank sei doch eigentlich ein bißchen viel. Es handelt sich um das selbe Stück! Also diese Unterscheidung selbst mag ich da nicht machen. Daß es nicht definitiv auf der einen oder anderen Seite sitzt, macht die Sache gerade so spannend, und daraus entsteht wahrscheinlich ab und zu dieses Schmunzeln, weil man diese Grenze nicht sauber ziehen kann.


Apropos Schmunzeln. Ich könnte mir vorstellen, daß Sie selber bei der Arbeit viel Spaß haben – oder ist es ernste, schöpferische, knochentrockene Maloche?
Es ist beides. Es ist nicht nur heiter, im Atelier zu stehen; ich arbeite hier wie ein Buchhalter, ich fange morgens zur gleichen Zeit an und höre auch abends um die gleiche Zeit auf. Die Arbeitszeit ist festgelegt. Die Arbeit findet nicht dann statt, wenn die Muse durchs Fenster kommt und mich küßt. Es ist auch körperlich eine harte Arbeit, es sind richtige Möbelstücke von großem Volumen, die bewältigt werden müssen, aber es ist auch dieser Kampf, ein Stück an die Stelle zu treiben, daß es tatsächlich frei wird. Bis es zu dieser Stelle kommt, daß das Stück beginnt zu schmunzeln oder daß die Situation eine heitere wird, ist die Sache teilweise sehr hart und ernst. Ich würde die Frage in der Richtung sehen: Kann überhaupt etwas Schönes in der Welt in Erscheinung treten, was nicht irgendwo auch durchlitten ist? Eine Kastanie, die am Baum hängt und dann aufplatzt, hat ja zunächst mal eine ungeheure Energie in sich, die wir aus menschlicher Sicht mit Leiden bezeichnen können; – das ist es bei der Pflanze sicher nicht, aber dieser schöpferische Prozeß selbst ist immer wieder an die Grenze zu treiben, daß es einen Schritt weiterkommen kann, sonst würde ich immer Möbel produzieren, die ich schon kenne. Das ist erst mal ein großer Aufwand und hat tiefen Ernst in sich und ist sehr erschöpfend; aber wenn es dann gelungen ist, daß sich das Stück erhoben hat, dann ist schon Gelächter in der Bude, und dann habe ich auch oft das Gefühl, ich bin nicht alleine hier, sondern da lachen auch ein paar hinter mir mit.


Sie arbeiten jetzt 10 Jahre mit dieser „Methode“. Kommt da nicht manchmal ein Punkt, wo man sich denkt: „Jetzt fällt mir nichts mehr ein“ ?
Je virtuoser man diese Klavier zu spielen vermag, um so größer ist natürlich auch die Gefahr, daß man sich reproduziert, selbst wenn man immer wieder aus Fundstücken arbeitet. Aber „ne Kiste is ´ne Kiste und aus der Kiste bietet sich blitzschnell ein Sekretär an. Noch gefährlicher wird das in puncto Ladenbau, wir haben vorhin die NATURATA erwähnt. Mittlerweile habe ich 10 Läden in dieser Art eingerichtet, da sind natürlich die Gegebenheiten, Regalgrößen, Warensortiment etc. soweit vorgegeben, daß das Künstlerische schon stark zurücktritt. Da ist nachher der schöpferische Akt noch in der farbigen Gestaltung möglich, aber diese Originalität des Einzelstückes ist natürlich schon ein Stück zurückgedrängt.


Es gab mal ein Buch von Andreas Mäckler: „Was ist Kunst...? 1080 Zitate geben 1080 Antworten“. Können Sie die 1081. Antwort geben?
Das kann ich sicherlich nicht, das läßt sich so aus dem Ärmel nicht beantworten. Es wird oft die Frage gestellt, ob wir mit diesen Dingen, die wir so tun – ob wir nun malen oder Möbelstücke bauen oder singen oder Theater machen –, irgendeine Botschaft haben. Mag sein, daß das von Menschen als Botschaft verstanden wird. Aber ich glaube nicht, daß wir eine Geisteshaltung haben, die wir dann in unseren Stücken sichtbar machen wollen; das hielte ich für Symbolismus. Was mit in den vielen Jahren, wo ich als Künstler täglich arbeite, als Essenz nachher stehen bleibt, ist diese Begeisterung, die in so einer Sache steckt; wenn man daran arbeitet und es als Lebensweg, als Spur auffaßt, die Dinge so zu tun, wie man sie kann. Das, was da so an Begeisterung reinfließt, ist letztlich auch das, was nachher wieder rausfließt und was dann dem Beschauer eine Lebensfreude geben kann, einen Impuls, sein Leben anders zu sehen oder zu fassen; das wäre mir das Wichtigste. Dieses Tunwollen, das schätze ich eigentlich als das Höchste ein: daß man was gefunden hat in seinem Leben, wo man sagt: „Das ist meiner Spur und da will ich dranbleiben“. Das würde ich vielleicht unter Kunst verstehen, und daß man dann täglich in der Auseinandersetzung am Werk versucht, immer wieder Schritte zu tun, frei werden von dem, was man gestern getan hat; daß man morgen wieder einen kleinen Schritt tun kann...


Finden Sie als Künstler in der Arbeit Freiheit?
Ja, klar. Diesen Durchbruchsmoment, wenn sich ein Stück bis an eine Stelle gestaltet, daß man sagt: „Jetzt ist es schön, jetzt ist es eigentlich fertig“; dann schiebe ich das beiseite, es kommt ein Tuch drüber, ich gucke es nicht an, oder es kommt nach vorne in den Ausstellungsraum und nach einer Zeit nehme ich es noch einmal vor; und dann kommt dieses „Pling“ hinzu, dann kommt dieses letzte Erheben und dann wird es heiter, dann wird auch gelacht hier im Atelier. Dieser kleine Durchbruch ist immer wieder da: das ist Freiheit, ganz eindeutig. Das ist auch Anarchie: daß man über Einstellungen wie „so haben wir es schon immer gemacht“, „da könnte ja jeder kommen“ – hinausgeht. Ich denke, ein kulturschöpfender Satz schlechthin ist: „Das ist mir doch egal“.


Eine weitere Frage zum Arbeitsstil: „Kampf“ und „Spiel“. Auf welcher Seite dieses Begriffpaares würden Sie Ihre Arbeit einordnen?
Das ist sicher fifty-fifty. Kampf findet sicher an der Stelle statt, daß man mit seinen eigenen Fähigkeiten ringt und nur bestimmte Möglichkeiten zur Verfügung hat, die natürlich immer besser im Laufe der Jahre, daß man wirklich die Dinge, die man tun will, auch ausführen kann; und auf der anderen Seite ist es ein komplett spielerischer Bereich, daß man die Dinge ausprobiert: also hier mal was dranhält, jenes Teil mal ein bißchen runternimmt... man wählt eigentlich aus in der Kunst. Ob man es nun ganz konkret am Stück schon ausführt und dann sieht, es hat geklappt oder nicht, oder ob man es innerlich als eine Vorstellung vorantreibt und dann auswählt und sagt, die Spur gehe ich, es ist in jedem Fall ein hochspielerischer Vorgang, ganz klar.


Von vielen Leuten wird der Begriff Kunst im Zusammenhang mit dem Begriff Können gesehen und dieser wiederum im Zusammenhang mit dem Begriff Kunstfertigkeit. An den großen Meistern z.B. wird die Meisterschaft im Umgang mit Farbe, Räumlichkeitsverhältnis, Darstellung von konkreter Räumlichkeit, Plastizität in den Bildern, in Ausdruckswerten uws. gesehen. Denken Sie, daß das Spielerische noch etwas ist, was dazukommt, oder ist es in diesen Fertigkeiten schon enthalten?
„Kunst kommt von Können“... das stimmt natürlich, selbstverständlich. Aber ist es nur das manuelle Können, ist es nur die Fertigkeit, daß ich mit Farbe umgehen kann, die Perspektive beherrsche? Mache ich mir also einen Plan, mache ich mir ein Konzept und male dann nach Farben...? Ich würde es für Symbolismus halten, daß man Dinge, die man im Geistigen erkennt, dann versucht, materiell herunterzudrücken. Das wäre ja die Ansichtsweise von Kunst, daß man sagt: „Ich habe einen geistigen Prozeß durchschaut, den will ich jetzt materiell sichtbar machen“. Die andere Sichtweise wäre: „Ich nehme mein Material und spiritualisiere es so stark, erhebe es so stark, daß es wie göttlich erscheint“. Das scheint mir beides berechtigt. Aber genau in der Mitte, wo diese Dinge miteinander ins Gespräch geraten, wo das miteinander spielt – da entsteht Kunst. Und da gehört sicherlich mit hinein, daß man auch Regeln übertritt. Also mir macht ein Spiel nur Sinn, wenn man auch pfuschen kann.


In unserem Gespräch ist öfter das Wort „Gespräch“ gefallen. Die Fundstücke sprechen zu Ihnen, so daß Sie aus ihnen etwas machen können. Haben sie selber Wesenscharakter, so daß man mit ihnen in einen wirklichen Dialog treten kann?
In der Regel findet ja eine Auswahl statt beim Finden. Es ist also nicht so, daß jegliche Art von Material einfach genommen wird, sondern es ist eine Auswahl, daß an diesen Stücken schon Biographisches vorliegt. Es ist durch Menschenhände gegangen, es ist benutzt worden, es liegt Physiognomie vor aus der Biographie dieses Stückes. Es ist schon eine Sprache, es ist schon Wesenheit, was hinter den Stücken steht, und es ist auch ein sehr diffiziler Moment, da nicht zu laut vom eigenen Wollen, sondern mehr hinzuhören, wo dieses Stück tatsächlich hin will. Es ist gerade der erste Moment fast ein sakraler Moment; der Eingriff darf nicht zu stark werden, man muß aufpassen, daß man nicht zu sehr das abtötet, was drinnen ist. Aber auf der anderen Seite darf es auch nicht zu wenig sein – daß das Alte zu stark durchdringt und sich behauptet. Dieser Moment ist sehr wichtig: aufzupassen, nicht zu viel und nicht zu wenig zu tun. Und dann liegt bei mir ja noch diese Pflicht unten drunter, daß es ein Möbelstück werden soll, das benutzt werden kann. Maße müssen eingehalten werden, der Stuhl muß eine bestimmte Höhe haben und das Bett muß so sein, daß man drin liegen kann. Gerade diese Gratwanderung, die macht mir am meisten Freude: daß man das Stück gelten läßt als Fundstück, daß man aber auch die Anforderungen vom Benutzer gelten läßt und daß man meine biographische Situation noch gelten läßt.


Sie sprechen davon, daß man das Stück als Fundstück gelten lassen muß. Wenn man so einen Sekretär anschaut, sieht man tatsächlich, daß Sie den gebrauchten Charakter der einzelnen Elemente keineswegs beschönigen, meistens bleibt der Materialcharakter offenbar, manchmal setzen Sie Farbe hinzu. Können Sie etwas zur Verwendung der Farbe oder zum Sprechenlassen des Materials selber sagen?
Es gibt ja nichts Elenderes, als wenn man eine alte Frau zum Liften schickt...da stimmt ja was nicht. Die Sinnlichkeit, die in diesem Material vorhanden ist, die aus dem Benutzer und aus dem Biographischen dieses Stückes kommt, sollte man erhalten. Ich sehe immer wieder an alten Menschen, die ein belebtes Leben hatten, daß daraus ein inneres Strahlen entstehen kann, ein inneres Mit-der-Welt-im-Einklang-sein. Und so erlebe ich diese Stücke eigentlich auch; wenn man sie soweit wie möglich in Ruhe läßt und sie dann quasi nur noch über kleine Zutaten – und jetzt kommt natürlich die Farbe hinzu – sie wieder so ins Leben hineinsetzt, daß sie wieder eine Berechtigung haben. In der Regel sind das ja Teile, die wertlos waren. Das Erheben zu einem benutzbaren Gegenstand, ihnen mit der Farbe, sagen wir mal, eine Seelenhaftigkeit zu geben, sie zu beleben – das wäre für mich völlig ausreichend als Berechtigung für so ein Stück. Und wenn es dann noch in eine Umgebung kommt, wo es gern gehabt wird, daß also die Menschen mit diesen Stücken tatsächlich leben und gerne mit ihnen zusammen sind und sich freuen...was will man noch mehr?


Ihre Stücke haben etwas eminent Kommunikatives an sich; haben die Stücke Sie mit Menschen zusammengebracht?
Wenn man mit Kunst zu tun hat, lernt man in der Regel täglich interessante neue und tolle Menschen kennen. Menschen die mit Kunst umgehen, sind einfach offen, fragen nach vorne und es entwickelt sich gerade an diesen Stücken die allerschönsten Gespräche. Ein Beispiel ist die NATURATA in Überlingen. Anfangs hatte ich es abgelehnt, einen Naturkostladen aufzubauen in dieser Art, weil ich mit diesen „Ökos“ nicht zu tun haben wollte; es hat sich aber herausgestellt: das sind hochwache Menschen, die die NATURATA betreiben, und es sind tolle Menschenverbindungen und Freundschaften daraus entstanden. Ich bekomme auch sonst nach vielen Jahren immer wieder mal Rückmeldungen, daß die Leute von den Stücken immer noch ganz begeistert und heilfroh sind, daß sie sich so was zugelegt haben.


Sie haben vorhin in Bezug auf das Ratenzahlungsverfahren gesagt, daß Sie darüber ganz froh sind, weil es so eine Art monatliche Grundversorgung sicherstellt. Daraus könnte man das Leid eines Freiberuflers heraushören...
Die Sonnenscheinzeiten in der freien Wirtschaft sind offensichtlich vorbei...Aus dem Arbeiten im Künstlerischen ergibt sich aber natürlich auch eine ganz andere Lebensbasis – daß man eben mit Freiheit und Schönheit umgehen darf... letztlich ist es ja die Frage: „Wovon lebt der Mensch denn wirklich?“ Also, wenn er ordentlich zu essen hat und ein Dach über dem Kopf –, ist er dann als Mensch versorgt und kann er dann tatsächlich davon leben? Das bezweifle ich ganz glatt. Ein Menschenleben ohne Kunst ist sicherlich gar keins.

Herr Zimmermann, wir danken Ihnen herzlich für dieses Gespräch.


Das Gespräch wurde geführt am 16. Juni 1998 in Dieter Zimmermanns Uhldinger Atelierräume. Gesprächspartner waren Matthias Bendau und Hans-Jürgen Bracker.


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